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integrativ

Neues aus dem Dialog von Wahrnehmen und Bewegen generieren

Werden neue Aspekte oder Details in bereits Gelerntes integriert, so verbessern sich die Bewegungsqualitäten. Beim Lernen werden neue Verknüpfungen im Gehirn aufgebaut und das Neue integriert sich, neurophysiologisch betrachtet, idealerweise in das vorhandene Netzwerk.

Jede Bewegung und jeder Tanz beinhaltet viele Aspekte und Details, die dem Schüler zunächst fremd erscheinen, dem Lehrer hingegen alle bekannt sind. Während der Lehrer die Bewegungen oft als einfach nachzuvollziehend einschätzt, übersteigen ihre Komplexität selbst bei 'einfachen' Bewegungen in der Regel das Aufnahmevermögen von Anfängern. Lernen wird erst im Vollzug des nacheinander Folgens aller einzelnen Aspekte der Bewegung möglich. Notwendig ist demnach eine anfängliche Reduktion der Komplexität auf das Wesentliche. Erst nachdem stabile motorische Strukturen aufgebaut sind, die den Kern der Bewegung ausmachen, kann man sich weiteren Details zuwenden.

Aus neurologischer Sicht ist der Lernende sogar anfänglich gar nicht in der Lage, sich auf Details zu konzentrieren. Abgelenkt von zu vielen Aspekten, lässt sich der Kern der Bewegung nicht etablieren und der Lernende bleibt im Aufbau der Grundstruktur irritiert. Ist der Lehrer in dieser Lernphase zu ungeduldig und fordert den Schüler zur Differenzierung auf, dann verhindert er ein nachhaltiges Lernen.

Wird der Lernende gezielt durch die Lenkung seiner Wahrnehmung unterstützt, so kann der motorische Lernprozess gelingen. Der Schüler erfährt, wie er seine Wahrnehmung fokussiert ausrichten kann und er hat dabei genügend Zeit, sich die Komplexität der Bewegungen und des Tanzes nacheinander anzueignen.

Bewegung wahrnehmen im Bewegen

Integratives Lernen heißt differenzieren können

Der Wirkungszusammenhang von Bewegen und Wahrnehmen bildet die Basis des Lernmodells von iTP. Schon kleine Verschiebungen in der Wahrnehmung führen zu einer Veränderung in der Bewegungsausführung. Wahrnehmen wirkt sich immer auf die Bewegung aus und umgekehrt verändert Bewegen unsere Wahrnehmung. Wahrnehmen und Bewegen sind unmittelbar miteinander verschränkt, wie es von Viktor von Weizsäcker im Modell des Gestaltkreises beschrieben wurde.

Die Herausforderung des Tanzunterrichts rührt aus der steten Gleichzeitigkeit mehrerer und zudem divergenter Wahrnehmungs-Aspekte. Gezielte Anweisungen zur Fokussierung der Wahrnehmung im Bewegungsprozess ermöglichen, sich auf einzelne Aspekte wahrnehmend auszurichten. Effektives und systematisches Lernen findet dann statt: der Lehrer führt den Lernenden von einem zum nächsten Aspekt und das jeweils Neue wird in das bereits vorhandene Bewegungs-Muster integriert.

Fokussierung der Wahrnehmung

Lernen braucht Zeit und Muße

Wahrnehmung funktioniert auf eine simple Weise: bewußt kann immer nur ein Wahrnehmungs-Aspekt fokussiert werden. Daher ist immer nur eine einzige 'Sache' im Wahrnehmungsfeld aktiv.

Erst im zeitlichen Nacheinander fügen sich einzelne Aspekte zu einem komplexen Wahrnehmungs- und Handlungsmuster zusammen und das Wahrgenommene kann im Gehirn gespeichert und in das neuronale Netzwerk integriert werden. Springt aber der Fokus oder wird die Wahrnehmung abgelenkt oder unterbrochen, so findet der Vorgang des Speicherns ebenso wenig statt wie Prozesse des 'Erinnerns'.

Maria Montessorie hat diesen Zusammenhang der Fokussierung der Wahrnehmung im Konzept der 'Polarisation der Aufmerksamkeit' erkannt und daraus ein eigenes Lernmodell  entwickelt. An diese Erkenntnisse knüpft iTP an - wobei hier das "Material" der eigene Körper und dessen Bewegung ist - und vermittelt Bewegungsaufgaben durch präzise Wahrnehmungsanweisungen. Denn die Entwicklung der Wahrnehmung ist der Schlüssel zur Differenzierung der Bewegungsfähigkeit und Ausdruckskompetenz. 

Bewegung erinnern

das Ultra-Kurzzeit-Gedächtnis entscheidet

Die Folge von 'Unterbrechungen' kennen wir aus alltäglichen Situationen: werden wir in einem Gespräch z.B. beim Telefonieren unterbrochen, dann müssen wir in der Regel den Gesprächpartner bitten, uns kurz zu sagen, bei welchem Gedanken wir stehen geblieben sind. Die Gehinrforschung erklärt dieses Phänomen an Hand der drei Stufen des Erinnerns: der Fokus muß mindestens für 20 Sekunden auf eine 'Sache' ausgerichtet sein und im Ultra-Kurzzeit-Gedächtnis 'kreisen', um zum nächsten Speicher, dem Kurzzeit-Gedächtnis 'weitergereicht' zu werden. Erst nach 20 Sekunden wird der mehrstufige Prozess des Erinnerns im Gehirn angestoßen. Findet aber eine Unterbrechung während der ersten 20 Sekunden statt und zwar durch einen neuen und anderen Fokus, so erlischt die 'Spur' im Ultra-Kurzzeit-Gedächtnis und das Wahrgenommene kann nicht erinnert werden.

Lernen braucht Zeit. Man muss sich genügend Zeit lassen und sich mit einem Aspekt der Bewegung beschäftigen können, um Neues zu lernen. Denn der neue Aspekt wird nicht bloß addiert, sondern integriert sich auf einer weiteren Bahnung in das bestehende neuronale Netzwerk.

Lernen einer Bewegung besteht - so gesehen - aus eine Vielzahl detaillierter Lern-Wahrnehmungs-Schritte und beginnt beim Aufbau einer Grundstruktur, dem Kern der Bewegung. Dieser muss verinnerlicht und automatisiert sein, ehe weitere Prozesse der Integration von Details erfolgen können. Die bewußte Wahrnehmungsfokussierung auf unterschiedliche Aspekte der gleichen Bewegung, z.B. auf das Räumliche oder Zeitliche, führen zur Verbesserung der Bewegungsqualität. Beides, der Aufbau der Grundstruktur und die Differenzierug, ist nicht gleichzeitig in der ersten Stunde möglich, sondern erfordert eine gezielte zeitliche Reihung über mehrere Unterrichts-Einheiten. Bevor der Prozess der Automatisierung nicht abgeschlossen ist, ist eine Differenzierung nicht möglich.